Sandra Leupold

Es sind die Fragen, die Sandra Leupolds Theaterherz und Theaterkopf im Innersten bewegen.

Vielleicht ist es diese radikale Konzentration des Musiktheaters – und Musik-Theater ist alles, was Sandra Leupold auf die Bühne bringt – auf sein Wesentliches, auf den sich mit Haut und Haar, Stimme und Herzblut entäußernden Künstler, die den gewissen Unterschied, gleichsam die spezifische Qualität ihrer Inszenierungen ausmacht.

Deshalb begegnet man bei ihr weder Kulissenzauber noch Kostümpracht.

Was heißt spielen? 

Was bedeutet der singende Mensch? 

Was liegt hinter, vor, über und unter den Lauten, Silben, Wörtern, Sätzen eines Librettos?
Was ist eine Rolle?
Welche Sprache sprechen Körper?
Was erzählt die Musik?    
Wie spricht sie uns an?

Es sei denn, Requisiten öffnen den Blick in die Seelen derjenigen, die sie umfangen.

Am liebsten ist Sandra Leupold der leere Raum. Gehäuse, in denen Darsteller, in denen die Musik frei atmen können. Räume, die sie als Laboratorium nutzen kann für die spielerische Erforschung, die authentische Vorführung menschlich allzu menschlicher Verhaltensweisen.

Ihr Ideal ist eine Art szenische arte povera, die, aus Partitur und Libretto entwickelt, um die Individualität der Figuren und ihrer Darsteller kreist. 

 

Albrecht Thiemann

Verantwortlicher Redakteur

Opernwelt

                                                                                Sandra Leupolds Arbeit steht für eine besonders eindrückliche und kompromisslos klare Regiesprache. 

 

Als erste Regisseurin überhaupt wurde sie 2014 mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST für die beste Regie im Musiktheater ausgezeichnet, der ihre Inszenierung von Don Carlo am Theater Lübeck als wegweisend für das deutsche Theater würdigte.

Nach dem Studium der Musik- und Theaterwissenschaft u.a. bei Carl Dahlhaus und der Opernregie bei Ruth Berghaus und Peter Konwitschny arbeitete sie als persönliche Regiemitarbeiterin von Hans Neuenfels, George Tabori und Jürgen Rose.

 

Ihre Zauberflöte am Theater Erfurt gewann 2018 den Publikumspreis.

2005 wurde ihre radikale Inszenierung Don Giovanni am Theater Heidelberg vom Fachmagazin „Opernwelt“ als „Produktion des Jahres“ nominiert.

 

Für die gleiche Produktion in der Kulturbrauerei Berlin war sie im Jahr 2001 bereits als „Nachwuchskünstlerin des Jahres“ und in der Sparte „Produktion des Jahres“ nominiert worden und für Così fan tutte beim Cantiere Internazionale di Montepulciano als „Regisseurin des Jahres 2004“.

 

Für ihre am Staatstheater Mainz entstandenen Inszenierungen von Pelléas et Mélisande, Parsifal und C. Pallavicinos La Gerusalemme liberata erhielt sie mehrere Nominierungen in den Kategorien „Regisseurin des Jahres 2007“, „Produktion“ und „Regisseurin des Jahres 2008" und „Regisseurin des Jahres 2013“. Auch für ihre Inszenierungen Così fan tutte 2015 am Theater Lübeck, Carmen 2016 am Staatstheater Darmstadt, Freischütz 2017 am Theater Heidelberg und Werther 2019 am Theater Lübeck wurde sie als „Regisseurin des Jahres“ nominiert.

 

Zu ihren Arbeiten zählen u.a. an der Hamburgischen Staatsoper Lucia di Lammermoor, Tannhäuser am Staatstheater Mainz, Erwartung mit Deborah Polaski an der Oper Leipzig und Pique Dame an der Oper Kiel.

 

An der Oper Frankfurt inszenierte sie den Doppelabend L’Oracolo/Le Villi sowie Ariane et Barbe-Bleue. Im Stuttgarter Wilhelma Theater entstand eine umjubelte Aufführung von Mozarts La Finta Giardiniera mit Studierenden der Opernschule. Außerdem inszenierte sie u.a. Das Schlaue Füchslein am Theater Freiburg, Glucks Orfeo ed Euridice am Theater Chur (Schweiz), Martin y Solers L’Arbore di Diana mit der Heidelberger Marionettenoper, am Theater Luzern Gianni Schicchi/ Trouble in Tahiti und am Staatstheater Wiesbaden Tosca.

 

Seit Jahren bildet die Barockoper einen Schwerpunkt in Sandra Leupolds Arbeit. Ihre jüngste Produktion Pimpinone mit der Akademie für Alte Musik für die Magdeburger Telemann-Festtage 2020 musste wegen de Corona-Krise in der Hauptprobe abgebrochen werden und hofft auf eine Verschiebung. Daneben inszenierte sie u.a. die Performance Projekt 1719 zum 300jährigen Jubiläum des Markgrafentheaters Erlangen, Monteverdis Die Krönung der Poppea am Landestheater Eisenach und die deutsche Erstaufführung von A. Scarlattis Il Tigrane am Staatstheater Saarbrücken.

 

Für die Londoner Proms entstand eine Aufführung von Rameaus Les Boréades unter der Leitung von Sir Simon Rattle und für die Oper Leipzig Telemanns Don Quichotte. Große Aufmerksamkeit erzielte sie mit ihrer spektakulären Inszenierung von Cavallis Scipione Africano im Alten Stadtbad Saarbrücken und mit C. Pallavicinos L’Antiope bei den Dresdner Musikfestspielen.

 

Besonderes Interesse hat sie auch an Neuer Musik.

Zuletzt entstand 2018 am Theater Lübeck unter ihrer Regie die Lübecker EA von Salvatore Sciarrinos Luci mie traditrici. Ihre gefeierte Inszenierung der deutschen EA von Per Norgards Der göttliche Tivoli ebenfalls am Theater Lübeck wurde an das Theater Bern übernommen. An der Deutschen Oper Berlin inszenierte sie Europera 4 von John Cage und in der Kleinen Szene der Staatsoper Dresden Stockhausens Indianerlieder. Außerdem schuf sie 2012 für die Werkstatt der Berliner Staatsoper eine Inszenierung von John Cages Songbooks.

 

2013 hatte Sandra Leupold die internationale und interdisziplinäre Klara-Marie-Faßbinder-Gastprofessur für Frauen- und Geschlechterforschung an der Gutenberg-Universität Mainz inne.

 

Ihre nächsten Produktionen werden La Traviata am Theater Vorpommern, Pimpinone bei den Telemann-Festtagen Magdeburg und Der fliegende Holländer an der Oper Graz sein.