Sandra Leupold

Es sind die Fragen, die Sandra Leupolds Theaterherz und Theaterkopf im Innersten bewegen.

Vielleicht ist es diese radikale Konzentration des Musiktheaters – und Musik-Theater ist alles, was Sandra Leupold auf die Bühne bringt – auf sein Wesentliches, auf den sich mit Haut und Haar, Stimme und Herzblut entäußernden Künstler, die den gewissen Unterschied, gleichsam die spezifische Qualität ihrer Inszenierungen ausmacht.

Deshalb begegnet man bei ihr weder Kulissenzauber noch Kostümpracht.

Was heißt spielen? 

Was bedeutet der singende Mensch? 

Was liegt hinter, vor, über und unter den Lauten, Silben, Wörtern, Sätzen eines Librettos?
Was ist eine Rolle?
Welche Sprache sprechen Körper?
Was erzählt die Musik?    
Wie spricht sie uns an?

Es sei denn, Requisiten öffnen den Blick in die Seelen derjenigen, die sie umfangen.

Am liebsten ist Sandra Leupold der leere Raum. Gehäuse, in denen Darsteller, in denen die Musik frei atmen können. Räume, die sie als Laboratorium nutzen kann für die spielerische Erforschung, die authentische Vorführung menschlich allzu menschlicher Verhaltensweisen.

Ihr Ideal ist eine Art szenische arte povera, die, aus Partitur und Libretto entwickelt, um die Individualität der Figuren und ihrer Darsteller kreist. 

 

Albrecht Thiemann

Verantwortlicher Redakteur

Opernwelt

                                                                                Sandra Leupolds Arbeit steht für eine besonders eindrückliche und kompromisslos klare Regiesprache. 

Seit 2006 wird ihre Arbeit vom Archiv der Akademie der Künste dokumentiert.

2019 richtete die Akademie der Künste ein Sandra-Leupold-Archiv mit ihrem künstlerischen Vorlass ein.

 

Nach dem Studium der Theater- und Musikwissenschaft u.a. bei Carl Dahlhaus und der Opernregie bei Ruth Berghaus und Peter Konwitschny arbeitete sie als persönliche Regiemitarbeiterin von Hans Neuenfels, George Tabori und Jürgen Rose.

 

Als erste Regisseurin überhaupt wurde sie mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2014/ beste Regie Musiktheater für ihre Inszenierung von Don Carlo am Theater Lübeck ausgezeichnet.

2005 erhielt ihre radikale Inszenierung Don Giovanni am Theater Heidelberg vom Fachmagazin „Opernwelt“ zwei Nominierungen zur „Aufführung des Jahres“.

 

Für die gleiche Produktion in der Kulturbrauerei Berlin war sie im Jahr 2001 bereits als „Nachwuchskünstlerin“, „Regisseurin“ und in der Sparte „Aufführung des Jahres“ nominiert worden und für Così fan tutte beim Cantiere Internazionale di Montepulciano als „Regisseurin des Jahres 2004“.

 

Für ihre Produktionen am Staatstheater Mainz Pelléas et Mélisande, Parsifal, Tannhäuser und C. Pallavicinos La Gerusalemme liberata erhielt sie mehrere Nominierungen in den Kategorien „Regisseurin des Jahres 2007“, „Produktion“ und „Regisseurin des Jahres 2008" und „Regisseurin des Jahres 2013“, ebenso für Così fan tutte 2015 am Theater Lübeck, Carmen 2016 am Staatstheater Darmstadt, Der Freischütz 2017 am Theater Heidelberg und Werther am Theater Lübeck 2018. Im selben Jahr wurde ihre Erfurter Inszenierung der Zauberflöte mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

 

Ihre jüngste Produktion war 2022 für die Oper Graz Der Fliegende Holländer. Außerdem inszenierte sie Lucia di Lammermoor an der Hamburgischen Staatsoper, mit Deborah Polaski an der Oper Leipzig Erwartung und Pique Dame an der Oper Kiel. An der Oper Frankfurt schuf sie den Doppelabend L’Oracolo/Le Villi sowie eine Inszenierung von Ariane et Barbe-Bleue.

 

Im Stuttgarter Wilhelma Theater entstand eine umjubelte Aufführung von Mozarts La Finta Giardiniera mit Student:innen der Opernschule. Außerdem inszenierte sie Das Schlaue Füchslein am Theater Freiburg, Glucks Orfeo ed Euridice am Theater Chur (Schweiz), am Theater Luzern Gianni Schicchi/ Trouble in Tahiti und am Staatstheater Wiesbaden Tosca.  

 

Seit Jahren bildet die Barockoper einen Schwerpunkt in Sandra Leupolds Arbeit. Zuletzt inszenierte sie 2022 mit AkaMus Pimpinone bei den Magdeburger Telemann Festtagen.

Sie brachte die deutsche Erstaufführung von A. Scarlattis Il Tigrane auf die Bühne des Staatstheaters Saarbrücken und realisierte von C. Pallavicino L’Antiope für die Dresdner Musikfestspiele und La Gerusalemme liberata mit Student:innen der HfM Mainz für das Staatstheater Mainz.

 

Für die Londoner Proms entstand eine halbszenische Aufführung von Rameaus Les Boréades unter der Leitung von Sir Simon Rattle und für die Oper Leipzig Telemanns Don Quichotte. Große Aufmerksamkeit erzielte sie mit ihrer spektakulären Inszenierung von Cavallis Scipione Africano im Alten Stadtbad Saarbrücken. Am Landestheater Eisenach inszenierte sie Monteverdis Die Krönung der Poppea.

 

Besonderes Interesse bringt sie auch der der Neuen Musik entgegen. Ihre gefeierte Inszenierung der deutschen Erstaufführung von Per Norgards Der göttliche Tivoli am Theater Lübeck wurde an das Theater Bern übernommen. 2018 verantwortete sie die Lübecker Erstaufführung von S. Sciarrinos Luci mie traditrici. An der Deutschen Oper Berlin inszenierte sie Europera 4 von John Cage und in der Kleinen Szene der Staatsoper Dresden Stockhausens Indianerlieder. Außerdem schuf sie 2012 für die Werkstatt der Berliner Staatsoper eine Inszenierung von John Cages Songbooks.

 

An der Gutenberg-Universität Mainz hatte Sandra Leupold 2013 die internationale und interdis-ziplinäre Klara-Marie-Faßbinder-Gastprofessur für Frauen- und Geschlechterforschung inne.